Montag, 7. September 2015

Die grausame Kindheit von grausamen Mördern

Immer wieder fallen mir hier und da biografische Hintergründe von Mördern auf, die für diesen Blog relevant sind. Mein Augenmerk liegt natürlich tendenziell eher auf politische Prozesse und „politische“ Mörder. Letztlich ist aber klar, dass man diese Bereiche (Hier Einzeltäter, dort mörderische Gruppenprozesse) nicht unbedingt voneinander trennen kann, weil die tieferen Ursachen bei Beidem die gleichen sind.

Bevor ich jetzt zukünftig ständig Einzelartikel über Mörder schreibe, möchte ich diesen Beitrag dazu nutzen, kurze Entdeckungen im unten aufgeführten Kommentarbereich zu posten. Sofern LeserInnen Artikel etc. entdecken, in denen die destruktive Kindheit von Mördern beschrieben wird, bitte ich gerne um Hinweise im Kommentarbereich. Die Kindheit von besonders relevanten Personen, z.B. Terroristen, politischen Führern etc. werde ich dagegen weiterhin gesondert besprechen.

Kürzlich sind mir drei Fallbeispiele aufgefallen, die ich hier wiedergebe. Sie dokumentieren zum einen besonders grausame Mörder, aber auch entsprechend besonders grausame Kindheitserfahrungen der Mörder - ohne helfende Zeugen oder sonstige Unterstützung:

Fallbeispiel Klaus S.
(ZDF-Dokumentation vom 19.08.2015, Serienkiller – Mörderische Triebe)

Schläge, Misshandlungen gegen das Kind waren an der Tagesordnung. Seine Kindheit sei kalt gewesen und die Eltern hatten kein Interesse an ihren Sohn, berichtet Klaus. Schon als Neunjähriger sei er von zu Hause ausgerissen, gesucht oder vermisst habe ihn zu Hause niemand. Als er sich einmal einen kleinen Hundewelpen mit nach Hause brachte, um etwas Wärme zu erleben, wurde der Hund vom Vater getötet und auf den Mist geschmissen. Zum Schluss habe Klaus S. selbst nichts mehr gefühlt, keinen Schmerz empfunden, Prügel teilnahmslos ausgehalten. Kindliche Traumatisierungen finden sich bei solchen extremen Gewalttätern wie Serienmördern fast immer, so wird der Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke in der Doku zitiert, nachdem der vorgenannte Mörder vorgestellt worden ist.


Fallbeispiel Michael Tenneson 
(ZDF-Dokumentation vom 21.02.2015: Bekenntnisse eines Serienkillers – Bei Gelegenheit Mord.)

Ich war so zerrissen früher. Meine Welt war ein Chaos. Ich war kein Monster, sondern ein gestörtes, kleines Kind.“, sagt Tenneson in der Doku.  Sein Vater war ein gewalttätiger Mann, der die Familie terrorisierte. Der Vater hatte zudem ein Alkoholproblem, verhielt sich wie ausgewechselt, wenn er getrunken hatte.
Eines Tages kam er nach Hause und vergewaltigte seine Frau vor den Augen seines kleinen Sohnes Michael (was auch die Mutter in der Doku bestätigt). Dabei drohte er, beide zu erschießen. Der Sohn lebte in ständiger Angst vor seinem Vater. „Einmal richtete er eine Pistole auf mich und drückte ab. Klick, Klick, Klick. (…) Ich begann zu weinen. Da schlug er mir ins Gesicht und schrie: Halt die Klappe! Dann kam Mami rein und fragte: Was ist passiert? Und er lachte: Nichts, wir spielen nur. Ich saß heulend da, er sah zuerst mich an, dann meine Mum. Es war verrückt. Ich war drei Jahre alt und verstand das nicht. Ich wusste nicht, was in meiner Welt geschah.“ Die Mutter reichte bald die Scheidung ein, seinen Vater sah er nie wieder. Kurz vor seinem vierten Geburtstag kam die Mutter in Haft. Sie hatte als 21jährige ein Verhältnis mit einem 17jährigen Jungen und wurde wegen Unzucht mit Minderjährigen verhaftet. (Anmerkung: Insofern muss sie an Hand dieser Altersangabe selbst noch ein Teenager gewesen sein, als ihr Sohn geboren wurde)  Man brachte den Jungen für ein halbes Jahr zu einer Pflegefamilie. Seine Mutter berichtet, dass ihr Sohn von der Pflegefamilie an Stuhl und Tischbeine gefesselt wurde und sie ihm dann Pfeffer und ähnliche Sachen auf die Zunge streuten. Sie zogen ihm Windeln an, obwohl er schon alleine aufs Klo ging, um ihn zu demütigen. Als der Junge wieder bei seiner Mutter leben darf, ist er ein extrem gewalttätiges Kind. „Ich hatte gelernt, schlag zu, bevor jemand Dich schlägt. Verstehen Sie? Ich war verdreht. “ Ab dem Alter von 12 nimmt er Drogen und fällt erstmals kriminell auf. (Offen bleibt in der Doku, wie das Erziehungsverhalten der Mutter war. Ich vermute stark, dass auch sie viel Destruktivität in die Familie brachte.)


Fallbeispiel Henry Howard Holmes
(SPIEGEL-Online Einestages, 28.07.2015, „Das Mörderhotel des Henry Howard Holmes. Bett, WC, Gaskammer“ (von Marc von Lüpke)
Die Grausamkeit von Holmes ist unvorstellbar. Über seine Kindheit erfährt man laut dem SPIEGEL-Online Bericht nur einen kurzen Ausschnitt. „Bereits während seiner Kindheit auf einer Farm in New Hampshire hatte Holmes kleine Tiere gefangen und bei lebendigem Leib aufgeschnitten. Seine strenggläubigen Eltern erzogen den am 16. Mai 1860 als Herman Webster Mudgett geborenen Sohn vor allem mit dem Rohrstock. Wenn er nicht in einer Kammer auf dem Dachboden eingesperrt war, entwickelte Mudgett kleine Apparate.“

Hier sind zwei wesentliche Infos enthalten (die man in dem Artikel fast überliest, weil sie nur kurz erwähnt werden): 1. Ständige Prügel mit einem Gegenstand durch beide Elternteile 2. Ständiges Eingesperrtsein auf einem einsamen Dachboden.
Man kann sich vorstellen, dass der Alltag in dieser Kindheit von weiteren Grausamkeiten bestimmt war. Aber alleine diese kurzen genannten Infos reichen bereits aus, um festzuhalten, dass dieses Kind gefoltert wurde.


siehe ergänzend auch unbedingt:

- James Gilligan: Gewalt

- Jonathan H. Pincus: Was Menschen zu Mördern macht

- Stephen Harbort: Das Serien-Mörder-Prinzip

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Sven,

ich habe hier einen guten Artikel gefunden zum Thema Traumatisierung, Gehirnentwicklung, transgenerationale Weitergabe von Trauma und der Forderung nach konsequentem Kinderschutz. Das liest man in dieser Kombination nicht oft.
Besonders gut gefällt mir der Hinweis auf die gesellschaftliche Abwehr dieser Erkenntnisse und die Zurückweisung des Genetik-Arguments.

http://www.agsp.de/html/a34.html

LG, Heike

Sven Fuchs hat gesagt…

Folgender Fall ist insofern außergewöhnlich, weil es um einen brutalen Mord durch eine junge Frau geht: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/muenster-freundin-getoetet-so-merkwuerdig-benahm-sich-die-moerderin-a-1088541.html

Die Tat an sich zog sich ca. eine Stunde lang hin. Insgesamt stach die Mörderin 49 mal auf ihr Opfer (ihre Partnerin oder wohl Ex-Partnerin) ein.

Im SPIEGEL Artikel steht folgendes: "Sie sei so wütend gewesen, sagte Megi B. Wütend, dass Melina die Beziehung am Valentinstag 2015 beendet hatte. Wütend, weil sie durch die Trennung den letzten Halt im Leben verloren hatte. Den hatten die Eltern Megi B. nie geben können: Der Vater gewalttätig, die Mutter eine Fremdgeherin. Zur Tatzeit lebte Megi B. mit Unterstützung von der Jugendgerichtshilfe, zu ihren Eltern hatte sie nur sporadisch Kontakt."

Sie Informationen sind nur Oberfläche, ja. Ich denke, dass es bzgl. der Familiensituation nicht um leichte Formen von Gewalt und Vernachlässigung ging. Die Tat der jungen Frau spricht da eine deutliche Sprache bzw. dafür, dass ihr selbst schwere Gewalt angetan wurde. Entschuldigen tut dies wie immer gar nichts.

Sven Fuchs hat gesagt…

"E.s Familie war sehr verschlossen, sie galten als schwierige Nachbarn, fremde Kinder durften dort nicht spielen. Der Vater, das sagen mehrere Jugendfreunde, legte extremen Wert auf "Reinlichkeit", er sei "sehr streng" gewesen mit Roland und dessen jüngerer Schwester. "Sie mussten picobello funktionieren.""

http://www.zeit.de/2016/04/amoklauf-silvester-raketen-lautstaerke-oberaurach

Wie so oft ist die Frage, was alles hinter "sehr streng" steht?

Sven Fuchs hat gesagt…

Kindermörder Silvio S.:

"Über den Vater von Silvio S. sagte der 46-Jährige, von ihm habe es nie ein nettes Wort und keine Liebe gegeben. Alle hätten vor dem Vater gekuscht und Silvio S. sei ängstlich gewesen, wenn sein Vater dagewesen sei. Der Angeklagte sei dann lieber abgehauen und habe auch nicht mit dem Vater zusammen an einem Tisch gegessen." und "Der 24-Jährige beschreibt den Angeklagten als großes Muttikind. Seine Mutter habe ihm oft gesagt, was er machen soll. "Er wartete direkt darauf", sagt der Zeuge." http://www.berliner-zeitung.de/berlin/brandenburg/mordprozess-zeugen-beschreiben-vater-von-silvio-s--als-tyrannen-24265434

Ergänzend auch: http://www.maz-online.de/Brandenburg/Muttersoehnchen-mit-tyrannischem-Vater

Sven Fuchs hat gesagt…

Serienmörder Peter Kürten:

"Seine ersten zehn Jahre verbringt Kürten im damals noch eigenständigen Mülheim am Rhein. Zwölf Geschwister hat der Drittgeborene, der Vater ist Sandformer in einer Gießerei, alkoholabhängig und gewalttätig. Seine Kindheit sei ein Martyrium gewesen, sagt Kürten. Sadismus, Sodomie und Tierquälerei gehören früh zu seinen Taten, wegen Diebstählen und Einbrüchen landet er immer wieder im Gefängnis. Mit acht Jahren stößt er zwei Freunde von einem Floß in den Rhein und spürt große Freude beim Anblick ihres Todeskampfes." http://www.ksta.de/panorama/massenmoerder--vampir-von-duesseldorf--war-koelner-22935408

Sven Fuchs hat gesagt…

Ergänzung. Kürten über seinen Vater: ""Ich habe meinen Vater nie geliebt, aber immer gefürchtet. [...] Ich habe meinen Vater schon in frühester Jugend als ein Ungeheuer kennengelernt, und es wurde und konnte uns dadurch, wenn die Mutter sagte, dann oder dann kommt der Vater, eine heillose Angst eingejagt werden. Denn auch zahlreich waren seine Exzesse, die ich auch in frühester Jugend schon miterlebt habe, bestehend in Zertrümmerung von Möbeln und Mißhandlung der Mutter und Gewalttätigkeiten gegen andere Menschen und Krakeelen und Trinken und so weiter." http://der-vampir-von-duesseldorf.blogspot.de/2011/02/herkunft-1-jugendjahre.html

Sven Fuchs hat gesagt…

Infos über die Kindheit des Serienmörders Ted Bundy:

http://articles.philly.com/1989-01-25/news/26122339_1_bundy-louise-cowell-violent-childhood

Dies ist um so interessanter, weil ich in etlichen Artikeln gelesen habe, Bundy hätte eine "ganz normale Kindheit" gehabt....

Sven Fuchs hat gesagt…

Damit ich diese Textstelle selbst nicht vergesse, hier das Zitat bzgl. einem Bericht über die Kray Zwillinge.
http://www.spiegel.de/einestages/kray-zwillinge-reggie-und-ronnie-moerder-in-massanzuegen-a-1068318.html
"Die Jukebox spielt "The Sun Ain't Gonna Shine Any More". Kray findet das passend, presst Cornell wortlos seine Pistole an die Stirn, drückt ab. Binnen Sekunden ist der Pub leer, der Mörder harrt kurz aus: "Ich fühlte mich verdammt großartig", verriet er 22 Jahre danach in einem Interview im Gefängnis. "Niemals davor oder danach habe ich mich so unglaublich lebendig gefühlt." Millionenmal habe er seitdem an "jede Sekunde des Tötens" gedacht - stets reuelos."

Über ihre Kindheit muss ich noch recherchieren, die o.g. Aussage ist klassisch bzgl. innerlich abgestorbener Menschen, die zu Mördern werden...

Sven Fuchs hat gesagt…

ZDF-Info: "Eine mörderische Schülerin - Der Fall Lorraine Thorpe" https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/eine-moerderische-schuelerin-102.html

Interessant ist der Fall, weil hier eine weibliche Mörderin im Fokus steht, die zudem zum Tatzeitpunkt nur 15 Jahre alt war.

Zusammen mit ihrem viel älteren Freund hat sie eine Frau tagelang gefoltert und schließlich getötet. Später töteten sie und ihr Freund ihren Vater, weil dieser den Mord an der Frau anklagen wollte.

Lorraine Thorpe hatte im Prinzip keine Kindheit. Ihr Vater war schwerer Alkoholiker. Mit ca. 12 trennten sich ihre Eltern und sie kam in eine Pflegefamilie. Sie floh allerdings zu ihrem Vater und verbrachte ihre Kindheit in dessen "Säuferclique", in der auch ständig Gewalt zwischen den Cliquenmitgliedern herrschte. Die ermordete Frau stammte aus dieser Clique.

Zudem erlebte sie schweren emotionalen Missbrauch durch den Vater, denn sie war quasi dessen Pflegerin oder "Krankenschwester". Er konnte meist nicht alleine gehen oder sich waschen etc. All dies musste seine Tochter übernehmen.