Dienstag, 17. Januar 2017

Die tieferen Ursachen von Terrorismus und Krieg. Langsame, aber stetige Schritte in Richtung Öffentlichkeit

Etwas verspätet habe ich einen Redebeitrag von Dr. Maggie Schauer (Leiterin des Kompetenzzentrums Psychotraumatologie der Universität Konstanz) in der Sendung maybrit illner spezial „Anschlag in Berlin“ vom 20.12.2016 wahrgenommen. Der Redebeitrag in dieser Art ist - in einem großen Medium mit Millionen Zuschauern - nach meinem Wissen quasi einmalig (abgesehen von kleineren Interviews mit Arno Gruen) Sie sagte bzgl. Terrorismus und Krieg:
 „Ich glaube, wir müssten viel mehr Wert darauf legen, wie es den Menschen geht, die so etwas tun. Wie kommt denn jemand dazu, dass er überhaupt zu so einer Tat schreitet? Und da haben wir einige Untersuchungen gemacht, die uns vielleicht weiterhelfen, als jeder massive Betonblock. (…) Wir haben in verschiedenen Ländern geforscht, in Somalia, im Kongo, wirklich in Gebieten, wo Täter aktiv sind und Zivilisten treffen möchten. (…) Wir haben festgestellt, dass tatsächlich eine Menge Gewalt in der Kindheit dieser Menschen eine große Rolle spielt. Die erleben schreckliche Gewalt selber am eigenen Leib, in den eigenen Familien. Und diese Gewalt, die labilisiert mich mit Angst oder mit wieder mit Gewalt zu reagieren. (…) Mein Statement kann ich hier gleich zu Anfang machen: Wir müssen wirklich auch politisch umdenken. (…) Diese Menschen, die müssen von Anfang an Unterstützung bekommen, untersucht werden und auch Psychotherapie bekommen. Wir müssen unser Geld tatsächlich anders einsetzen.“ Ihr Statement (das sich übrigens auch direkt auf (junge) Geflüchtete bezieht, worauf sie später in der Sendung nochmal zurückkommt) endet ca. in Minute 10 der Sendung. Mensch achte auf den sehr verhaltenden Applaus im Publikum!

Bzgl. dieses Redebeitrages ist mir auch ein Kommentar unter dem Titel „Angst? Wut und Abscheu!“ (vom 22.12.2016) von dem Historiker Dr. Rainer Zitelmann aufgefallen. Er schrieb:
Was empfinde ich nach Terroranschlägen? Zuerst Trauer. Und Mitgefühl mit den Opfern und ihren Angehörigen. Aber auch eine Wut, die immer größer wird. Gestern in der Talkshow bei Maybrit Illner räsonierte eine Psychologin wortgewandt über die schlimmen und traumatisierenden Gewalterfahrungen, die diese Terroristen in ihrer Kindheit und ihren Heimatländern erlebt haben. Sie will alle psychotherapeutisch behandeln. Dafür müsse viel mehr Geld her. Arbeitsbeschaffung für sie und ihre Kollegen. Was kriminelle Fanatiker dazu bringt, auf eine Familie mit einer Axt einzuschlagen oder Menschen auf einem Weihnachtsmarkt mit einem LKW zu überfahren, will ich nicht verstehen.“ Nun, wer nicht verstehen will, wird auch keine nachhaltige Prävention auf die Beine stellen können! Wie auch immer...

Erstaunlich und neu ist nicht, dass solche Ansätze keinen Applaus bekommen, sondern eher Kritik ernten (oder nicht weiter besprochen werden, denn keiner in der Talkshowrunde griff die Ausführungen der Expertin auf!). Erstaunlich und neu ist für mich, dass es Forschende schaffen, solche Ansätze vor einem Millionenpublikum unterzubringen und dabei auch ergänzen, dass es ein Umdenken bzgl. Prävention geben muss. Das sind alles langsame Schritte hin zu einem offenen Bewusstsein bzgl. der tieferen Hintergründe von Krieg und Terror.

Erst kürzlich wurde in einem ZEIT Artikel auf die BKA Studie „Die Sicht der Anderen“ verwiesen. Der Autor schrieb: „Überhaupt ist es nicht eine bestimmte Religion, die Terroristen gebiert. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat 2010 in einer Studie die Karrieren von Extremisten untersucht. Sie zeigt: Nicht der Glaube macht Menschen  zu Tätern, sondern ihre Erfahrungen in Kindheit und Jugend. Prekäre Lebenslagen, enormer Entwicklungsstress – das ist allen Extremisten gemein. Davon hatte Amri genug.“  Diese BKA Studie wurde zu meinem großen Erstaunen – ich hatte darüber berichtet – auch in einer Sendung von „Hart aber Fair“ relativ breit besprochen. Allerdings ohne auf eine Veränderung von Prävention hinzuweisen und auf verbreitete kindliche Gewalterfahrungen in  „gescheiterten Staaten“ Afrikas und im Nahen Osten. Dies sind alles wie gesagt kleine Schritte.

Irgendwann wird die Zeit reif dafür sein, dass die Menschen verstehen wollen. Meiner Ansicht nach spielt dabei die massive Abnahme von Gewalt gegen Kinder in Europa auf diesem Weg eine entscheidende Rolle (ergänzt durch flächendeckende Psychotherapie von als Kind schwer psychisch verletzten Menschen). Menschen, die sich nicht vor ihrer eigenen Kindheit gruseln und fürchten müssen, werden sich offen und ohne Scheu mit den Kindheiten von Terroristen, Kriegstreibern, wie auch sonstigen Gewalttätern befassen können oder zumindest die öffentliche Besprechung begrüßen.

(Ergänzend ein Hinweis auf einen Artikel, der sich auf die Forschung von Thomas Elbert bezieht, der wiederum viel mit der oben zitierten Frau Schauer zusammenarbeitet): "Gestresste Mütter, ängstliche Kinder". Darin heißt es gleich zu Beginn: "Trägt die hohe Gewaltbereitschaft in vielen Kulturen und Gesellschaften mit dazu bei, dass sie nicht vorankommen? Für den Traumaexperten Professor Thomas Elbert von der Universität Konstanz ist dieser Gedanke gar nicht so abwegig. Seine Feldstudien legen zusammen mit neuen molekularen Erkenntnissen und Tierexperimenten nahe, dass Gewalterfahrungen der Mutter während der Schwangerschaft sowie Stress und Missbrauch in der frühen Kindheit Gehirne entstehen lassen, die in einer modernen Wissensgesellschaft Probleme haben." Auch solche Sätze, zumal im Ärzteblatt veröffentlicht, habe ich in dieser Form bisher selten gelesen. Da tut sich was. Auf diesen Artikel werde ich bei Zeiten noch einmal zum Thema "Geflüchtete aus islamischen  und afrikanischen Ländern" zurückkommen.)


Mittwoch, 4. Januar 2017

Politisches Framing. Die Macht des Wortes oder die Macht der Familiensysteme?

Auf die Linguistin Elisabeth Wehling bin ich durch die Sendung „Markus Lanz“ am 03.11.2016 aufmerksam geworden. Wehling beschäftigt sich kurz gefasst damit, wie Wörter (vor allem starke bildhafte Sprache) in Politik, Medien und Wirtschaft auf die Menschen wirken und auch zu Handlungen in die eine oder andere Richtung führen (z.B. bei Wahlen).

In der o.g. Sendung von Markus Lanz sagte Wehling, dass Donald Trump in seinem Wahlkampf mit der Idee des „Ekels“ und der „Reinheit“ von Anfang an gearbeitet habe. Trump habe starke sprachliche Bilder benutzt: Amerika sei „vergiftet“, Amerika sei „blutleer“, die Wirtschaft sei „kurz vorm Sterben“, Mexikaner brächten „Krankheiten“ usw. Umgekehrt habe er sich als „Saubermann“ dargestellt: „Ich bin der saubere Held“. (Persönliche ergänzende Anmerkung: Trump hat bereits bei seiner Antrittsrede zur Kandidatur sprachliche Bilder aufgemacht wie "China killt uns", Sie "schlagen uns" usw. und das Zurückschlagen angedeutet, etwas was ganz direkt die Leute triggert, sie selbst als Kind durch Elternfiguren geschlagen worden sind...)
In der Diskussion ging es dann weiter um die Angst vor Bakterien. Wehling im O-Ton:
„Fakt ist, dass Menschen, die eher konservativ wählen, mehr Angst haben vor Krankheit, sich schneller ekeln vor Dingen, sehr besorgt sind, sich sauber zu halten, und wir wissen es eben nicht nur aus der Verhaltensforschung, sondern auch aus der Gehirnforschung. Das ist eine Reihe, die wir gemacht haben. Da haben wir uns eben die Gehirne vom erzkonservativen Amerikaner und erzproggressiven Amerikaner angeschaut. Wie reagieren die auf sprachliche Konzepte von Ekel? Also so etwas wie eine schmutzige Emailaffaire? Und tatsächlich ist es so: Das konservative Gehirn simuliert genau im gleichen Bereich in dem auch wirklicher physischer Ekel simuliert wird (…)  viel stärker Ekel und körperliche Abwehrreaktion als beim progressiven.“ Die Frage, warum das so ist, beantwortet sie in der Sendung nicht.

Mir persönlich fiel dabei sofort die Parallele zur Psychohistorie auf. Lloyd deMause analysiert seit Jahrzehnten bildhafte Sprache u.a. von politischen Führern und reale Bilder wie politische Cartoons und dabei ihre Wirkungskraft auf Nationen. Bei deMause steht ergänzend im Vordergrund, dass die Bilder und bildhafte Sprache etwas über (unbewusste) individuelle wie auch kollektive Emotionen/Fantasien (dabei vor allem auch bedingt durch destruktive Kindheitserfahrungen) bzw. emotionale Gruppenprozesse verraten.

Besonders interessant ist für mich jetzt der Hinweis von Frau Wehling auf die beiden unterschiedlichen Gehirnreaktionen bzgl. Ekel. Ich habe Frau Wehling gleich nach der Sendung angeschrieben und gefragt, ob es in ihrer Forschung Bemühungen gab, einmal zusätzlich die Kindheitshintergründe abzufragen. Ich mutmaßte, dass die Erzkonservativen sicherlich eine deutlich destruktivere Kindheit erlebt hätten, als die Progressiven. Ich ergänzte in meiner Email u.a.:
„Ein Beispiel: In einem Vortrag, der auf Ihrer Homepage zu sehen ist, nehmen Sie Bezug zu dem Säugling, der Wärme und Zuwendung verknüpft. Dadurch die späteren Sprachbilder von "warmherzigen Menschen" etc. Wenn nun aber der Säugling und das Kleinkind keine Wärme, sondern Kälte, Ablehnung, Demütigungen verbunden mit starken Gefühlen von Ekel, Scham, Ohnmacht, Überwältigen (oder "in sich eindringen" / über die Grenze gehen, was bildlich dann später wieder an Parasiten, Angst vor Viren etc. anknüpft) usw. erlebt hat, dann wird dieser Mensch später entsprechend anders auf bildliche Sprache reagieren, weil sein Gehirn auf sehr verdrehte und mit Angst behaftete Erfahrungen zurückgreift.“
Nun, ich habe bisher keine Antwort von ihr bekommen, macht aber nichts. Das Thema an sich ist hochspannend. Lloyd deMause hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Kriege eine Art „Reinigungsritual“ darstellen. Wenn der innere Druck zu groß wird, wenn zu viele traumatische Erinnerungen ins Bewusstsein zu rücken drohen (oder auch durch gesellschaftliche Veränderungen getriggert werden), braucht es Opfer, um sich (und die Nation) zu „reinigen“.

Ich habe mehr oder weniger zufällig kürzlich ein Interview mit dem amerikanischen Sänger James Hetfield der Band „Metallica“ gelesen (SPIEGEL, 30.09.2013, "Ein böses Tonband in meinem Kopf"). Familie war für ihn kein sicherer Ort, wie er in dem Interview sagte. Er sei in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen. Es gab dort „alle möglichen Bestrafungen, die ich hier nicht vertiefen will.“  Bei seinen Eltern konnte er kein Gehör finden, „ohne Angst zu haben, bestraft oder lächerlich gemacht zu werden.“ Er ist also quasi in einer amerikanischen, erzkonservativen, erzreligiösen Familie aufgewachsen. Über seine Selbstdefinition sagte er in dem Interview:
„Das Problem ist, ich habe eine Persönlichkeit, die mir unablässig erzählt, ich sei ein Stück Scheiße. Nur wenn ich auf der Bühne stehe, passiert das Gegenteil. Da werde ich vom Stück Scheiße zum King Scheiße.“
Das ist etwas, was ich so oder so ähnlich sehr oft bzgl. Menschen gelesen oder gehört habe, die in einer sehr destruktiven Familie aufgewachsen sind. „Ich bin ein Stück Scheiße, der letzte Dreck, nichts wert, ein Versager, ein Parasit, dumm, zu nichts zu gebrauchen, nicht liebenswert, Abschaum“. Ich  erinnere mich an einen Vortrag - aus meiner Studentenzeit - von Prof. Dr. med. Peter Riedesser in Hamburg, wo er mit in etwa solchen Worten das Selbstbild von als Kind schwer misshandelten Menschen beschrieb, die er in der Klinik betreute.  Es ist nur logisch, dass Menschen mit einem solchen Selbstbild u.U. wiederum besonders viel Angst vor „Dreck“ „Krankheiten“, „Viren“, „Abschaum“ und „Verunreinigung“ haben bzw. dass diese Bilder bei ihnen starke emotionale Reaktionen hervorrufen können und dass sie eher dazu neigen, solche Eigenschaften auf Andere zu projizieren und dann als ein Akt der "Reinigung/Säuberung" zu bekämpfen (oder ihr eigenes Leben so zu „gestalten“, dass Glück und Freude keinen Raum bekommen, sondern sich das dunkle Selbstbild erfüllt).

Elisabeth Wehling hat vor allem in den letzten Wochen und Monaten unzählige Interviews gegeben, die man im Netz nachlesen kann. In einem der Interviews in ZEIT Campus (Nr. 6/2016, 4. Oktober 2016, "Schlimmer als Hillary kann man es nicht machen") sagte sie:
 „Jeder Mensch hat einen bestimmten Wertekompass. Das liegt daran, wie wir aufwachsen. Als Kind erfahren wir zum ersten Mal, was es bedeutet, "regiert" zu werden. Deshalb werden auch in der politischen Sprache so häufig Metaphern der Familie verwendet: Vaterland, Schwesterpartei, Gründerväter. Wenn Sie mir sagen, wie für Sie die ideale Familie aussieht, kann ich Ihnen sagen, ob Sie eher konservativ oder eher progressiv sind.“
In einem anderen Interview (jetzt, 08.12.2016, "Wer nur mit Fakten argumentiert, erreicht die Leute nicht" ) sagte sie: „Aus der Ideologieforschung wissen wir: Letztlich denkt jeder Mensch, bewusst oder unbewusst, zu großem Maße über die Politik wie über das Familienleben. (…) Denn unsere erste und eindrücklichste Erfahrung mit sozialen Gruppen und Autoritäten ist die Familie. Sprachlich sieht man die Metapher etwa an Ausdrücken wie Mutti Merkel, Vater Staat, Muttersprache, Vaterland, Gründungsväter oder auch Staatshaushalt. In einer Familie geben die Eltern vor, was richtig und was falsch ist, erziehen die Kinder nach bestimmten Regeln. Dabei kennt die Forschung zwei zentrale Modelle: streng und fürsorglich.“

Diese Unterteilung in strenge und fürsorgliche Eltern und die Verbindung zu Politik und bildlicher Sprache ist auch zentrales Thema in dem Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht.“ (Lakoff & Wehling (2016), Carl-Auer Verlag, Heidelberg, 4. Auflage) Das Buch ist im Prinzip ein langes Interview bzw. ein gedanklicher Austausch zwischen Elisabeth Wehling und George Lakoff, wobei Frau Wehling die Fragen stellte. Ich fand das Buch faszinierend, zum Einen wegen des Inhaltes an sich,  zum Anderen, weil es enorm nah dran ist an psychohistorischen Annahmen und trotzdem sprachlich weit davon entfernt. Wie kann dies sein? Nun, in dem Buch nehmen die zwei Erziehungskonzepte „Strenger-Vater“ und „Fürsorgliche Eltern“ (wie Lakoff es definiert; übrigens finde ich das Bild "Strenger-Vater" falsch, denn wie wir wissen, misshandeln Mütter ihre Kinder oft noch häufiger, als Väter, aber das nur nebenbei...) sehr viel Raum ein, dabei vor allem mit Bezug zur Politik in den USA.  Trotz dieser deutlichen Verbindung von Politik und bildlicher Sprache zum Einen und erfahrener Erziehung zum Anderen bleibt das Thema Kindheit im Prinzip nur angerissen und an der Oberfläche. Das ist paradox.

Nun, gehen wir noch weiter ins Detail. Lakoff meint, dass bildliche Sprache in der politischen Debatte Realitäten in den Hörern schafft, ohne dass den Menschen dies bewusst wäre und diese Realitäten in den Köpfen führen dann ggf. auch zu Handlungen (z.B. bei politischen Wahlen). Zusätzlich zentral finde ich seine Feststellung, dass unsere Erfahrungen in der Welt die Beschaffenheit unseres Gehirns bestimmen. Hören wir Wörter und vor allem auch bildliche Sprache, dann greift unser Gehirn automatisch auf Grund der Vorerfahrungen im Leben auf einen Deutungsrahmen („Frame“) zurück.  Bzgl. dieser Vorerfahrungen nehmen die zwei oben erwähnten unterschiedliche Erziehungskonzepte immer wieder viel Raum ein in dem Buch. Er sagt z.B.:
„Ich erforschte die Mechanismen der Metapher Nation als Familie im Detail und fügte die gegensätzlichen politischen Positionen des konservativen und progressiven Lagers ein. Und zu meiner Überraschung ließen sich die politischen Programmpunkte tatsächlich auf die Moralvorstellungen zweier gegensätzlichen Familienmodelle zurückführen: das konservative Familienmodell mit einer Strenger-Vater-Moral und das progressive Familienmodell mit seiner Fürsorgliche-Eltern-Moral.“ (Lakoff & Wehling 2016, S. 39) Anders ausgedrückt: Ob jemand in den USA konservativ denkt, fühlt und handelt bzw. sich von bildlicher Sprache (Konservative Politiker würden laut Lakooff z.B. ständig über Familienwerte sprechen) angesprochen fühlt, hängt offensichtlich sehr stark mit dem als Kind erlebten Familienmodell zusammen.  Wobei Lakoff auch betont, dass dies idealtypische Modelle sind und viele Amerikaner auch Mischformen erleben.

Im konservativen Familienmodell ist z.B. Strafe eine moralische Aufgabe. Strafe wird als Liebe verstanden. Ein Vater wäre ein schlechter Vater, würde er das Kind nicht für Fehlverhalten bestrafen. (ebd., S. 41) Diese Sicht findet ihren Widerhall in politischen Prozessen in den USA und auch in der Vorstellung von der USA als gerechtem Vater, der ggf. Strafen in der Welt verteilen muss, um Fehlverhalten zu korrigieren und der natürlich Gehorsam verlangt. Dazu gleich mehr. Zunächst noch ein aussagekräftiges Zitat:
„Die Familie ist unsere primäre und tiefgreifendste Erfahrung damit, `regiert` zu werden. Und Familien können durch unterschiedliche Moralvorstellungen strukturiert sein. Wir können, wenn wir das Richtige tun, dafür belohnt werden, wenn wir das Falsche tun, dafür bestraft werden. Oder aber man führt einen Dialog mit uns darüber, was das Richtige ist und was das Falsche. Die entscheidende Frage lautet: Auf welche Art lernt ein Kind in seiner Familie, was moralisches Verhalten ist? Diese Frage determiniert letztlich unsere Auffassung davon, was moralische Politik ist, denn wir übertragen unser Verständnis von moralischer Autorität in der Familie unbewusst auf die Politik. (….) Die Metapher Nation ist Familie ist uns so geläufig, dass wir sie gar nicht weiter beachten. Es ist für uns ganz natürlich, soziale Gruppen – und somit auch die Nation, in der wir leben – gedanklich als Familie zu begreifen. In Deutschland sprechen sie von Vaterland. Man spricht von Mütterchen Russland und Mutter Indien. Nationen senden ihre Söhne in den Krieg. In den USA haben wir Gründungsväter. (…) Nun, weiter haben Regierungen Haushaltspläne. Der Punkt ist, wir denken über die Nation als Familie und übertragen dadurch Wissen und Erfahrungen aus unserer Familie auf die Nation.“ (ebd., S. 34+35)
Wir würde, so Lakoff, auch im internationalen Maßstab von Nationen als Personen denken (und weitergedacht als Familie im Weltmaßstab). „Wir denken über Nationen als Personen innerhalb einer Weltgemeinschaft, in der es Nachbarstaaten gibt, befreundete Staaten, feindliche Staaten, Schurkenstaaten und so weiter. Und in dieser Weltgemeinschaft gibt es Erwachenenstaaten und Kinderstaaten. Industrialisiert zu sein bedeutet, erwachsen zu sein. (…) Die Entwicklungsländer sind - metaphorisch - Kinder. (…) Und das Ergebnis dieser  Metapher ist, dass unterentwickelte Nationen in der Außenpolitik als Kinder behandelt werden. Die Erwachsenenstaaten leisten Entwicklungshilfe. (…) Und wenn die Länder der Dritten Welt sich widersetzen und nicht tun, was die Erwachsenen sagen, dann können sie physisch, also militärisch oder ökonomisch, diszipliniert werden.“ (ebd., S. 88+89) Frau Wehling merkt daraufhin an: „Letztlich wird hier die konservative Familienmetapher auf die internationale Politik angewandt: Der strenge Vater USA hat die Aufgabe, das artige Kind Indien zu belohnen und das ungezogene Kind Iran zu bestrafen.“ (ebd. S. 89)

Lakoff nimmt auf der anderen Seite auch Bezug zu einer Politik, die auf die „Fürsorgliche-Eltern-Moral“ gründet: „Wenn wir die Werte der Fürsorgliche-Eltern-Moral auf die Außenpolitik übertragen, dann dominiert zunächst einmal die Vorstellung, dass man Kinder – sprich die Entwicklungsländer -  mit Respekt behandelt. Und dass man ihnen eine progressive Form der Liebe entgegenbringt, im Gegensatz zu der konservativen tough love. Es ist die moralische Aufgabe, sich so gut wie möglich in die Situation und Bedürfnisse der Entwicklungsländer hineinzuversetzen und ihnen so gut es geht, zu helfen. Und an die Stelle des Systems von Belohnung und Bestrafung tritt die Idee der Fürsorge und Kooperation. (…) Als eine zentrale Idee gehört dazu, dass man den Entwicklungsländern zugesteht, Eigenverantwortlichkeit zu erlangen, und zwar so früh wie möglich, während man noch mit ihnen kooperiert und sie als Teil einer größeren Familie begreift.“ (ebd. S. 89+90)
Die europäischen Nationen würden, so Lakoff, zwar gegenüber den Entwicklungsländern eigene moralische Autoritäten darstellen, in Relation zu den USA wären sie aber eher so etwas wie „die ältesten Geschwisterkinder in der Familie.“ (ebd., S. 113)

Aufschlussreich finde ich eine Stelle im Buch, an der Lakoff auf das Verhalten von George W. Bush nach dem 11. September eingeht, der den Terroristen „eine Lektion“ (so wird Bush zitiert) erteilen wollte. „Weil er eine Strenge-Vater-Weltsicht vertritt. Er denkt im Sinne des konservativen Familienmodells, will bestrafen und `Lektionen verteilen`.“ (ebd., S. 119) In der Tat ist George W. Bush stark konservativ-autoritär, mit Strenge und körperlicher Gewalt, erzogen worden! Lakoff hat, ohne auf die Kindheit von Bush Bezug genommen zu haben, genau den Punkt getroffen. Das ist allerdings auch eine Grundkritik, die ich an dem Buch habe. Lakoff und Wehling sprechen die ganze Zeit über den Einfluss von Familienmodellen auf die Politik, sprechen aber mit keinem Wort über das Ausmaß von Gewalt gegen Kinder in den USA (oder bzgl. Einzelpersonen wie Bush) und sie erwähnen auch keine Daten bzgl. unterschiedlicher Erziehungsmodelle und deren Verbreitung in den USA. Entsprechend fehlen auch komplett Anregungen in die Richtung, dass man politische Systeme offensichtlich stark verändern kann, wenn sich die Mehrheits-Kindererziehungspraxis verändert (was die logische Schlussfolgerung aus ihren Erkenntnissen wäre).
Stattdessen tendiert das Buch eher dahingehend, dass es anregt, Sprache zu überdenken und zu hinterfragen, damit durch „falsche Sprache“, nicht „frames“ bei den Menschen aufgehen, die dann evtl. zu destruktiven Prozessen führen. Für mich stellt sich eher die Frage, ob als Kind geliebte Menschen oder im Wortsinn von Lakoff und Wehling ausgedrückt, ob Menschen die im Konzept „Fürsorgliche-Eltern-Moral“ aufgewachsen sind, nicht nur unempfänglich für bestimmte bildliche Reizwörter (Ekelwörter in Bezug auf Gruppen, „Vergewaltigung Kuwaits durch den Irak“, Terroristen als „Schädlinge“ usw.) sind, sondern auch von sich aus gar nicht dazu neigen, solche Wörter auch zu benutzen. Worte haben eine Wirkung, ja, aber Worte, gerade auch wenn sie stark bildlich daherkommen und erst Recht wenn sie Freund-Feind-Schemata oder Bestrafungen zum Ausdruck bringen, kommen auch aus dem Unterbewusstsein und zwar aus dem Teil, in dem unverarbeitete belastende Kindheitserfahrungen schlummern. Psychohistoriker wie Lloyd deMause haben in ihrer Arbeit immer beides analysiert: Die Wirkung von bildlichen Wörtern auf Gruppen, aber auch die Ursprünge von den Wörtern: Was sagen uns die Ausdrücke/Bilder über den emotionalen Zustand des Senders und über seine Kindheit (bezogen auf Individuen wie auch ganze Nationen)?

Was ich trotz aller Kritik immer wieder spannend finde ist, wenn Menschen anderer Denkrichtungen letztlich auf Grund ihrer Forschungen zu ganz ähnlichen Erkenntnissen kommen, wie die Psychohistorie, nur dass die Kindheitshintergründe nicht so offen ans Tageslicht gebracht werden. Insofern stützt die Forschung von Wehling und Lakoff psychohistorische Annahmen.

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Positive Entwicklungen in der Welt

Kurz vor Weihnachten und Neujahr ist es eine gute Gelegenheit, auf positive historische Entwicklungen in der Welt hinzuweisen. Unter dem Titel "A history of global living conditions in 5 charts" hat der Wissenschaftler Max Roser kürzlich positive Entwicklungen der letzten ca. 200 Jahre kommentiert, wie auch grafisch dargestellt. Psychohistorisch ist dabei vor allem der enorme Rückgang der Kindersterblichkeit von Interesse. Um 1800 erlebte nur knapp jedes zweite Kind seinen 6. Geburtstag. 2015 starben "nur" noch ca. 5 % aller Kinder bis zu ihrem 5. Lebensjahr. Eindrucksvoll ist auch die starke Abnahme von extremer Armut, vor allem in den den letzten Jahrzehnten.

Weiter möchte ich die verlinkten Grafiken nicht kommentieren. Mensch schaue selbst!

Persönlich möchte ich anmerken, dass UNICEF in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen vor allem in den letzten paar Jahren in einer nie zuvor und somit einmaligen Dynamik das weltweite Ausmaß der Gewalt gegen Kinder aufgedeckt hat und weiter aufdeckt. 2017 bis 2019 stehen weitere Länder auf der Liste, für die teils bisher kaum Zahlen vorlagen. Parallel dazu läuft der Plan der UN (Agenda 2030), weltweit Gewalt gegen Kinder stark einzudämmen bzw. an sich alle erdenklichen Lebensbereiche von Kindern zu verbessern. Hier kann man verfolgen, welche Länder in diesem Jahr körperliche Gewalt gegen Kinder gesetzlich verboten haben.

Wir dürfen trotz der medialen Berichterstattung sowie der Ereignisse in Syrien & Co. nicht vergessen, dass die Welt immer besser wird, jeden Tag ein Stück!

Dienstag, 29. November 2016

Im "Jahrbuch für Psychohistorische Forschung" wurde aktualisierte Version meines Textes veröffentlicht

Im jetzt herauskommenden "Jahrbuch für Psychohistorische Forschung" unter dem Titel
"SEIN und HABEN – Was uns bewegt"  (Band 17) wurde eine aktualisierte Version meines Textes "Als Kind geliebte Menschen fangen keine Kriege an" veröffentlicht. Im Vorwort wird mein Beitrag von Heinrich Reiß wie folgt vorgestellt:
"Sven Fuchs gibt reichhaltiges Material zu seiner These "Als Kind geliebte Menschen fangen keine Kriege an": Die ihm vorliegenden Erkenntnisse machten Hoffnung, denn Kriege, Extremismus und Terror seien langfristig gesehen durch massive Kinderschutzbemühungen reduzierbar."

Ich bin den Verantwortlichen - vor allem Herrn Reiß, Herrn Janus und Herrn Kurth - sehr dankbar für die Möglichkeit, meinen Text weiter zu verbreiten.

Wer meinen an anderer Stelle bereits veröffentlichten Text schon kennt, wird nicht sonderlich viel Neues in der aktualisierten Version finden. Ich habe u.a. einige Flüchtigkeitsfehler verbessert, Breiviks Kindheit auf Grund neuerer Erkenntnisse mehr Raum gegeben, die Kindheit von Bill Clinton erweitert behandelt, die Kindheit von Erdoğan aufgenommen, Kindheit und Gewaltrückgang in Schweden weiter ausgeführt und eine Studie bzgl. Rechtsextremismus ergänzt. Für mich ist der Text jetzt wirklich rund.

Die Veröffentlichung erfolgt ehrenamtlich, wie bei solchen Büchern üblich, und ich erhalte keinerlei Geld dafür.

Mein nächstes großes Projekt ist wie schon erwähnt, die wesentlichen Beiträge der letzten Jahre hier im Blog und den Text "Als Kind geliebte Menschen fangen keine Kriege an" zu einem Buch zusammenzuführen. Daran werde ich im Jahr 2017 arbeiten. Sofern ich nicht noch etwas in diesem Jahr schreibe, wünsche ich Allen schöne Festtage und bis zum nächsten Jahr!

Donnerstag, 3. November 2016

Ergänzende Infos über Hillary Clintons Kindheit

Ich habe heute meinen Text über die Kindheit von Hillary Clinton um nachfolgend zitierten Teil ergänzt. Für mich wurde durch die neuen Informationen deutlich, dass Hillary als Kind in einem alptraumhaften Haushalt aufwuchs. Mir kommt es so vor, als ob ihr einziger Ausweg war, zu leisten zu leisten und nochmal zu leisten. Immer in der Hoffnung, ihr Vater möge nur ein einziges mal Anerkennung zeigen. Nun, vermutlich wird sie die nächste Präsidentin der USA. Wird sie dies dann (endlich) glücklich machen und ausfüllen? Ich glaube nicht. Erst kürzlich sah ich eine aktuelle Doku über sie und Trump (siehe unten im Text). Mir scheint, dass sie mit den Jahren immer bitterer und kälter geworden ist, ähnlich wie ihr Vater. Wir dürfen uns auf heiße kommende vier Jahre einstellen, ob unter Trump oder Clinton, beides wird eine Probe für die Menschheit werden...
Hier nun die Ergänzungen: 
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In der amerikanischen Dokumentation "Amerika hat die Wahl - Clinton gegen Trump" (von Michael Kirk, ausgestrahlte auf ARTE TV am 01.11.2016) wurde gesagt, dass die Mutter von Hillary unter ihrem Mann litt. Er beleidigte sie und ging respektlos mit ihr um. Es gab oft Streit im Hause der Familie. Carl Bernstein, Autor von  „ Hillary Clinton - Die Macht einer Frau“, sagt in der Doku: „Wenn er ihre Mutter in einem lauten Streit demütigte, lief Hillary in ihr Zimmer, hielt sich die Ohren zu und sagte: `Ich ertrag das nicht.`“
Das erwähnte Buch von Bernstein gibt weitere vertiefende Einblicke oder besser gesagt: es legt Abgründe offen. „Hugh Rodham war ein bitterer, unerfülter Mann, dessen Kinder seinen unablässigen, herabsetzenden Sarkasmus und seiner misanthropischen Neigungen ertragen, seinen peinlichen Hang zur Sparsamkeit erdulden und schweigend hinnehmen mussten, wie er ihre Mutter demütigte und erniedrigte.“ (Bernstein  2007, S. 23) Die Beziehung der Eltern habe „geradezu krankhaft zerstörerische Züge“ gehabt, so Bernstein. (ebd., S. 24) Die destruktiven Verhaltensweisen von Hugh scheinen beständig zugenommen zu haben. Bernstein schreibt: „Als Hillary ins Teenageralter kam, schienen die schlechten Charakterzüge ihres Vaters endgültig die Oberhand gewonnen zu haben: Er konnte sich für fast nichts mehr begeistern und verlor jede Heiterkeit, während seine tyrannischen Ausfälle, seine schlechte Laune, die Klagelitaneien und seine Niedergeschlagenheit immer mehr zunahmen und er sich immer tiefer darin verstrickte.“ (ebd., S. 25) und „Das Leben im Hause Rodham hatte gewisse Ähnlichkeit mit einem militärischen Ausbildungslager, über das ein Spieß herrschte, der seine Schützlinge ständig heruntermachte und den man unmöglich zufriedenstellen konnte.“ (ebd., S. 27) Hugh „putzte jeden herunter, redete vollbrachte Leistungen klein, ignorierte Erfolge und legte die Latte für seine frustrierten Kinder immer höher, eine Methode, die er als `Charakterbildung` bezeichnete.“ (ebd., S. 27+28)

War seine Wut einmal geweckt, so war er furchterregend, und manchmal hatte es den Anschein, als könnte der ganze Haushalt jeden Augenblick bersten. Betsy und die wenigen Freundinnen, die Hillary mit nach Hause brachte, konnten sehen, wie schmerzlich erniedrigend das Leben mit Hugh Rodham für die Mutter war und dass Hillary unter den Wutausbrüchen ihres Vaters zusammenzuckte und unter seinem Geiz litt.“ (ebd., S. 29) Hillary, berichtet Bernstein, strengte sich furchtbar an, um einmal Anerkennung aus dem Munde ihres Vaters zu bekommen, wohl vergebens. (Mir kommt es so vor, als ob Hillary Clinton dies während ihrer politischen Karriere wiederholte. Sie war oft „nicht geliebt“, so sehr sie auch leistete, sich einbrachte und an Macht gewann. Zugespitzt zeigt sich dies im aktuellen Wahlkampf. Selbst wenn sie gewinnen sollte, sie scheint einfach ungemein unbeliebt in den USA zu sein.)
Die Wut des Vaters konnte auch handfester werden. Bernstein zitiert Hillary wörtlich bzgl. gewaltsamen Übergriffen auf die Kinder. Ihr Vater habe nicht mit der Rute gespart und an anderer Stelle sagte sie: „Gelegentlich ging es mit ihm durch, wenn er uns bestrafte. Dann brüllte er lauter oder griff insbesondere gegenüber meinen Brüdern zu härteren körperlichen Strafen (…). Doch selbst wenn er wütend war, zweifelte ich nie daran, dass er mich liebte.“ (ebd., S. 36+37) (Ihr Ehemann Bill Clinton idealisierte seinen gewalttätigen Vater genauso, wenn er über  (mit-)erlebte Misshandlungen berichtete, wieder eine Parallele.)

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Extremsport und Kindheit

Ich habe mich schon öfter gefragt, ob es einen signifikanten Zusammenhang zwischen destruktiven Kindheitserfahrungen und Extremsport gibt. Extremsport vor allem verstanden als potentiell lebensgefährlichen Sport und/oder suchtähnlichem Ausüben des Sportes, ohne den mensch sich nicht lebendig fühlen würde. Dazu gibt es wohl kaum Forschungen, insofern bleibt vieles natürlich spekulativ.
Für mich ist eine Annäherung an dieses Thema vor allem auch interessant, weil ich wie angekündigt bald einen Text schreiben möchte, in dem ich klassischer Kritik entgegnen möchte. Die klassische Kritik ist wie folgt: Massen wurden als Kind misshandelt und gedemütigt und wurden nicht zu Mördern, Kriegstreibern oder Terroristen, folglich wird jeglicher Zusammenhang zwischen Kindheit und Gewalt bestritten. Meine Antwort darauf ist u.a., dass sich Folgen von Kindesmisshandlung sehr vielfältig ausdrücken können, Gewaltverhalten ist da nur eine mögliche Ausdrucksform.

Ist nun (lebensgefährlicher) Extremsport vielleicht eine von vielen möglichen „Farben“ der Gewaltfolgen? Und mit Gewalt meine ich nicht rein körperliche Elterngewalt, sondern das ganze Spektrum, inkl. Missachtungen und emotionaler Vernachlässigung, denn Extremsportler buhlen ja oftmals auch um eines: Anerkennung und Aufmerksamkeit.

In der Doku „Attention – A Life in Extremes“ (von Sascha Köllnreitner) – in der ARD wurde diese Doku kürzlich unter dem Titel „Leben am Limit – Extremsportler“ gezeigt - hat am Ende die im Film zuvor bereits häufig als Expertin zitierte ehemalige Weltklasseläuferin und Buchautorin Ines Geipel das Schlusswort: „Dieser Suchtmoment, dass du immer und immer wieder in diese Schneise gehst, psychisch ja, heißt natürlich, dass da etwas danach ruft, angenommen zu sein. eigentlich will jedes Kind befreit werden, es schreit regelrecht danach. Vielleicht sind das am Ende alles Kinderveranstaltungen, extrem.“ (sie lacht) In einer Besprechung der Doku wurde der entsprechende Artikel folgendermaßen betitelt: „Extremsportler - psychisch zwischen Kleinkind und Superheld“  Dass das ganze vielleicht etwas mit Kindheit zu tun haben könnte, fällt also offensichtlich auch anderen Beobachtern auf.

Besonders hellhörig machen mich aber auch Äußerungen wie diese von dem sehr bekannten Extremsportler Chris “Douggs” McDougall in der Doku „Freifall - Eine Liebesgeschichte“: „Wir sind nicht hier, um zu sterben. Aber wir mögen Risikosport, weil wir uns dabei lebendig fühlen.“

Ähnlich formulierte es der Extrembergsteiger Reinhold Messner in seiner Autobiographie „Mein Leben am Limit“. Messner wörtlich: „Mein Krankheitsbild ist umrissen mit: Lebenslust durch Einsatz des Lebens.“ Messner selbst hat über seine Eltern folgendes gesagt:
Mein Vater war sehr streng. Einmal hat er meinen Bruder Günther so verprügelt, dass der sich in die Hundehütte verkroch. (…) Eine Kleinigkeit reichte, und er explodierte vor Wut. (…) Es gab oft Streit, den meine Mutter dann geschlichtet hat. Sonst hätte mein Vater mich halb umgebracht. (…) Die Mutter war das ausgleichende Element zu diesem strengen, unsicheren Vater.“ (focus, 08.08.2011, "Er hätte mich halb umgebracht")

Dies ist in doppelter Hinsicht aufschlussreich. Zunächst das Trauma der Gewalt, aber auch eine ausgleichende Mutter, die er in seiner o.g. Autobiographie noch ausführlicher und sehr positiv beschreibt. Massenmörder und Terroristen hatten grundsätzlich niemanden, der ihnen im Angesicht von Gewalt und Demütigungen zur Seite stand, so die These von Alice Miller. Reinhold Messner ist ganz sicher durch diese schwere Gewalt seitens des Vaters traumatisiert, aber er ist ganz offensichtlich kein Gewalttäter, sondern hat seinen ganz eigenen, für ihn kreativen Weg gefunden, bedingt auch wiederum durch die Welt, in die er hineinwuchs und einen Vater, der zusammen mit Reinhold als dieser gerade mal fünf Jahre alt war, einen Dreitausender bestieg. (Umgekehrt ist die provokante aber vielleicht auch an sich schon erkenntnisreiche Frage spannend, ob z.B. ein Terrorist XY mit einem entsprechend destruktiven Kindheitshintergrund vielleicht kein Terrorist geworden wäre, hätte er seit jungen Jahren das Extrembergsteigen entdeckt und sich dadurch lebendig gefühlt. Denn Umwelt und Rahmen bestimmen natürlich immer auch den Weg eines Menschen, wie auch seine Ausdrucksweise oder Pseudoverarbeitung von Kindheitsleid. Dies als gedankliche Anregung, nicht als Werbung für Extremsport  gedacht.)

Messners Weg will und kann ich gar nicht beurteilen. Ich selbst wundere mich einfach über Extremsportler, kann ihnen ihr Tun aber auch lassen. Sie handeln nicht vorsätzlich verletzend oder aggressiv gegen andere Menschen, sondern bringen max. sich selbst in Gefahr. In der o.g. Doku „Freifall - Eine Liebesgeschichte“ kamen allerdings zwei Dinge zu Tage: das unermessliche Leid der Hinterbliebenen, wenn solche Sportler tödlich verunglücken und das beständige Bangen und die Ängste von nahen Angehörigen wie Ehefrau und Kindern bzgl. dem Mann/Vater, wenn er wieder „auf Tour“ geht.

Montag, 24. Oktober 2016

Wenn es um Gewaltursachen geht, frag (k)einen Experten...!?

Ich bin aktuell im Gästebuch auf einen kurzen Redebeitrag von dem Psychiater und Theologen Manfred Lütz in der Sendung von Markus Lanz vom 18.10.2016 hingewiesen worden, der ab ca. Minute 50 sagte: "Woher kommt das Böse? Ich werde dauernd gefragt, im Moment bei den Terroristen: `Dr. Lütz, können Sie mal sagen als Psychiater, was haben die für Störungen oder welche Mechanismen stehen dahinten?` und da kann ich immer nur sagen: Es gibt das Böse. Er ist kein Mechanismus, keine Störung, Hilter war nicht psychisch krank, er war ein Verbrecher (...)"  Damit hat der Experte komplett ausgeblendet, was heute alles an Erkenntnissen vorliegt, inkl. der Kindheit von Hitler, der nicht "böse" geboren wurde... Experten (inkl. Historikern und Sozialwissenschaftlern) sind immer so eine Sache, darauf habe ich immer mal wieder hingewiesen. Kindheitshintergründe scheinen ein heißes Eisen, das anzufassen auch heute noch Vielen schwer zu fallen scheint. Insofern war ich - trotz knapper Zeit - noch einmal motiviert, eine andere Expertinnenmeinung ausführlich darzustellen. 

Unter dem Titel „Die Amokläufer: Warum wird aus Hass Mord?“ diskutierten am 12.10.2016 bei Maischberger diesmal vor allem Angehörige von Amokopfern, allerdings auch eine geladene Expertin und zwar die Kriminologin Prof. Dr. Britta Bannenberg. Alles in Allem wirkte die Expertin auf mich in der Tat sehr kompetent und strukturiert. Allerdings machte sie einige erstaunliche Grundsatzaussagen. 
Gleich im ersten Teil der Sendung wurde eine bedeutsame Zuschauerfrage eingeblendet: „Gibt es eine Studie, ob die Amoktäter eher aus behüteten Familien kommen oder sind sie eher Personen, die in den Familien kaum Zuneigung genießen?“ (ab ca. Minute 7)

Frau Bannenberg antwortete so: „Das konnten wir sehr gut beantworten. Also es ist anders als bei typischen Gewalttätern, wo man häufig die sogenannten `broken home` Verhältnisse findet. Das bedeutet, dass dort Gewalt im Spiel ist, Verwahrlosung, Vernachlässigung und das ist bei den Amoktätern nie der Fall. Die Familien sind unauffällig. Sie sind Mittelschichtfamilien oder sogar gut begütert. (…) Also im Grunde würde ein Polizeibeamter sagen, das ist eine ganz normale gut situierte Familie.
Ihre Antwort fand ich recht erstaunlich, denn in seinem Buch „Amok im Kopf" hat der Psychologe Peter Langman zehn amerikanische Amokläufer (da Amokläufe eine extrem seltene Tat darstellen ist eine Gruppe von 10 Tätern schon relativ aussagekräftig) portraitiert und drei Tätertypen ausgemacht: 1. Psychopathen 2. Psychotiker 3. Als Kind Traumatisierte. Bei letzterer Gruppe finden sich dann auch deutlich Misshandlungsopfer (wobei ich anmerken möchte, dass man in diversen Artikeln über die möglichen Ursachen von  Psychopathie oft das Thema Kindheit und Kindesmisshandlung findet, so dass entsprechende Hintergründe - auch wenn sie vom Forscher nicht identifiziert werden konnten - mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch auf den ersten Tätertypus, evtl. auch den zweiten zutreffen. Kindesmisshandlung - in all ihren Ausformungen - ist nun mal ein sehr verstecktes und verdrängtes Verbrechen.). Bannenbergs Aussage, dass bei Amokläufern nie Gewalt in der Familie im Spiel war – dies wird sie am Ende der Sendung noch mal deutlich wiederholen – ist also schlicht weg falsch und entspricht nicht dem Stand der Forschung! Alle Amok-Täter hatten, Peter Langman folgend, schwere psychische Probleme und fühlten sich einsam und isoliert. Dies wiederum sieht Frau Bannenberg genauso.

Ihrer oben zitierten Aussage schließt sie allerdings gleich folgende an: „Aber wenn wir hinter die Kulissen geschaut haben, dann konnte man immer sehen, dass ein Vertrauensverhältnis der Restfamilie, das bezieht auch Geschwister ein, zu dem späteren Täter niemals da war. Also die Jungen waren auch innerhalb der Familie in gewisser Weise isoliert, zurückgezogen, schwer zugänglich, haben an gemeinsamen Mahlzeiten nicht teilgenommen, haben sich also im Grunde genommen auch als Außenseiter in den Familien dargestellt, nicht aggressiv auffällig, nicht drogensüchtig oder irgendwie extrem auffällig, aber schwer zugänglich, Einzelgänger, Außenseiter auch in der Familie, die viel Zeit am Computer verbringen, in ihrem Zimmer hocken, nicht reden.“

Jetzt kommt es also auf die Definition von Gewalt und Vernachlässigung an, so scheint es mir. Was ich in meiner Arbeit oft wahrgenommen habe ist, dass materieller Wohlstand und eine vollständige Familie oft gleichgesetzt wird mit = Eine intakte Familie, alles normal. Die Expertin widerspricht sich aber im Grunde selbst, wenn sie erst ausführt, dass Amokläufer aus intakten Familienverhältnissen stammen, innerhalb der Familie aber isoliert lebten. Hier ist das Thema: Emotionale Misshandlung und emotionale Vernachlässigung. Warum wird da nicht deutlich der Finger draufgelegt?

Ab ca. Minute 46 führt die Expertin aus, dass die Täter  persönlichkeitsgestört seien, narzisstisch, egozentrisch, unempathisch, sie können nicht mit anderen mitfühlen, fühlen sich selbst aber ständig schlecht behandelt, gedemütigt, gekränkt und zwar von allem und jedem. Diese Sicht entspricht auch den Ergebnissen von Peter Langman, wie oben bereits gezeigt.

Ab Minute 55 wird es noch einmal interessant. Frau Bannenberg sagt zwar: Wenn man sich ein ideales Elternhaus vorstellt, könnte manches besser laufen.“ Aber: „Diese Eltern misshandeln ihre Kinder nicht, sie schlagen sie nicht, sie lassen sie nicht verwahrlosen, sie sind auf einer emotionalen Ebenen nicht mit ihnen verbunden. Und wer daran die Schuld trägt? Vielleicht ja auch der Junge selbst, der mit seiner unempathischen relativ gefühlskalten Art und der Persönlichkeitsentwicklung die eben sehr schwierig ist, sehr verschlossen ist, ja die Eltern vielleicht auch nicht an sich heran lässt.“
Erneut widerspricht sie mit dieser Aussage den Teil-Ergebnissen von Peter Langman. Und sie lenkt den Blick auf das Kind, nicht die Eltern. Dies kann ich nachvollziehen, wenn ich mir die beschriebenen jungen Männer vorstelle, wie sie sind, aber was ist mit der Entwicklung davor? Was passierte in den ersten 6 oder 8 Lebensjahren? Und in wie weit muss für diese Zeit auch der Blick auf die Eltern erlaubt sein, ohne die Amoktäter von ihrer Eigenverantwortung entlasten zu wollen?
Für mich wurde bei diesen Aussagen erneut deutlich, dass ExpertenInnen bzgl. der Ursachen von Gewalt so manches mal ungeschickt in ihren Ausführungen sind, um es freundlich zu formulieren.

In der Diskussionsrunde bei Maischberger saß übrigens auch Gisela Mayer, die Mutter eines Opfers von Tim K. Bzgl. Tim K., den Amokläufer von Winnenden, ist u.a. folgendes unter dem FAZ Titel „Die Eltern sind mitverantwortlich“ (09.09.2009) festgehalten worden: „Auch dürfte die Atmosphäre innerhalb der Familie, die von der Schwester als „gefühlskalt“ geschildert worden ist, zur psychischen Degenration von Tim K. beigetragen haben.“ Was bedeutet „gefühlskalt“ bzgl. der Eltern von Amokläufern? Dieser Frage hat sich die Expertin Prof. Dr. Britta Bannenberg bei Maischberger trotz ihrer Andeutungen in diese Richtung entzogen, was der Analyse wenig dienlich ist. Ein Satz wie der FAZ Titel aufzeigte "Eltern sind mitverantwortlich" finde ich treffend. Es geht weniger um Schuld. Es geht auch nicht darum, Eltern von Tätern öffentlich fertig zu machen. Es geht um die Analyse des Lebensweges von Tätern mit dem Ziel, zukünftig präventiv Taten verhindern zu können.



siehe ergänzend:

- Der Fall Josef Fritzl und die psychiatrische Gutachterin
Serienmörder Frank Gust und wie Fachmensch an dessen Kindheitsalptraum vorbeisehen kann
Interview mit "Beinahe-Amokläufer"
- Kindheit von Anders Breivik 

Dienstag, 18. Oktober 2016

Kindheit von Bill Clinton - Er hätte niemals Präsident werden dürfen

Ich habe mich erneut – diesmal noch ausführlicher als in meinem Text "Bill Clinton: Kindheit und Kriegsführungspersönlichkeit; siehe ergänzend auch "Kindheit von Hillary Clinton (oder Kindheit der Clintons)" – mit der Kindheit von Bill Clinton befasst. Dies auch vor dem Hintergrund, dass Hillary Clinton vermutlich die nächste Präsidentin der USA werden wird und mit ihr Bill Clinton als Ehemann und sehr gewichtiger, wie auch einflussreicher Berater an ihrer Seite erneut ins Weiße Haus einziehen würde. Ich möchte gleich eines vorwegnehmen: Bill Clinton hätte meiner Meinung nach niemals Präsident der USA werden dürfen!
In einer Beschreibung meines Blogs und über meine Person habe ich unter „Positionierung“ folgendes (auch mit Bezug auf Politiker) geschrieben: „Ich bin trotz aller deutlichen Worte immer dafür, Menschen nach ihrem Verhalten zu beurteilen. Ich habe schon diverse absurde Vorschläge gelesen, z.B. von einem psychologischen Zwangstest für Politiker (wo man sich dann außerdem auch fragen muss, wie viel Macht einzelnen Gutachtern zukommt) …" Diese und weitere Ausführungen unter meiner „Positionierung“ halte ich weiterhin grundsätzlich für richtig. Allerdings muss ich im Fall von Bill Clinton etwas ergänzen. Seine Kindheit war derart destruktiv, derart von massiver und häufiger Gewalt, Vernachlässigung, Lüge, Suchtverhalten, Manipulationen und Missbrauch bestimmt, dass ein verantwortlicher Mensch Bill Clinton im Wissen um seine Hintergründe und trotz seiner politischen Begabungen (und einem IQ von 137) andere Wege hätte einschlagen sollen, als das Ziel in Angriff zu nehmen, politisch ganz weit vorne mitzubestimmen. Seine Kindheitsgeschichte ist so heftig, dass dies alleine – ohne zuvor sein politisches Verhalten erlebt zu haben – ausgereicht hätte, Clinton von diesem Weg abzuraten. Mehr noch: Seine Kindheit hätte spätestens während seiner Nominierung Thema werden müssen, damit sich die Wählerschaft ein Bild hätte machen können. Gleichzeitig macht mir dies auch ein Stück weit Bauchschmerzen, weil Psychologisierungen im Vorfeld auch Ungerecht sein können und Raum für böse politische Spielchen geben. Aber, wie gesagt, seine Kindheit war nun mal nicht einfach „irgendwie destruktiv“ und „unglücklich“, sondern ein jahrelanger Alptraum. Das ist dann schon etwas, was gesondert betrachtet gehört, wenn ein Mensch sich anschickt, der mächtigste Mann der Welt zu werden.    

 Was mir als Erstes ins Auge fiel bei der Durchsicht seiner Autobiografie war die Widmung: „Für meine Mutter, die mir die Liebe zum Leben geschenkt hat.“ (Clinton 2004, S. 5) Danach folgen weitere Familienmitglieder. Dieser erste Satz ist ganz und gar erstaunlich, wenn man sich die Fakten vor Augen hält, die Clinton im Buch ausführt und die ergänzend durch andere Quellen belegt sind. Fangen wir von vorne an:

Bill war etwa ein Jahr alt, da verließ ihn seine Mutter und zog nach New Orleans. Sie wollte sich zur Anästhesieassistentin weiterbilden. (ebd., S. 15) Bill blieb bei den Großeltern (mütterlicherseits), bis er vier Jahre alt war. „Meine Großmutter und ich fuhren in dieser Zeit zweimal mit dem Zug nach New Orleans, um meine Mutter zu besuchen.“ (ebd., S. 16) Seinen biologischen Vater hat Bill Clinton nie kennengelernt, er starb kurz vor seiner Geburt. 1950 heiratete seine Mutter Roger Clinton mit dem Bill und seine Mutter zukünftig zusammenlebten und den Bill fortan „Daddy“ nannte.  (ebd.,  S. 30)
Bill Clinton fängt einen Absatz damit an zu beschreiben, dass sein Stiefvater Roger ihn und auch seine Mutter wirklich liebte. Die Selbstzweifel des Stiefvaters und seine Trinkerei wären das Problem. Und dann folgt auf den Schlag die heftigste Schilderung über seinen gewalttätigen Stiefvater: „Sein selbstzerstörerischer Alkoholismus gipfelte eines Abends in einem Streit mit Mutter, den ich nie vergessen werde. Mutter wollte meine Urgroßmutter, die im Sterben lag, im Krankenhaus besuchen. Daddy wollte das aus irgendeinem Grund verhindern. Ich hörte, wie sie sich im Schlafzimmer anschrien. Ich weiß nicht mehr, ob ich meiner Mutter helfen wollte; jedenfalls ging ich in den Flur hinaus und zum Schlafzimmer. Gerade, als ich in der Tür stand, zog Daddy eine Pistole hervor und schoss in Mutters Richtung. Die Kugel schlug zwischen ihr und mir in der Wand ein. Ich war fassungslos und völlig verängstigt. (…) Mutter packte mich und lief mit mir über die Straße zu den Nachbarn, die die Polizei riefen. Ich sehe Daddy noch vor mir, wie er kurz darauf in Handschellen abgeführt wurde. Er musste die Nacht im Gefängnis verbringen.“ (ebd., S. 32+33)
Gleich darauf meint Clinton, dass er sich sicher sei, sein Stiefvater hätte seine Mutter oder ihn damals keinen Schaden zufügen wollen, dies hätte dieser nicht verkraftet. Bill Clinton umrahmt diese erschütternde Szene also mit Idealisierungen seines Stiefvaters und entschuldigt ihn auch noch, was klassisch ist bzgl. Kindern, die elterlichen Machtmissbrauch und Misshandlungen erleben. 

An einer anderen Stelle in seinem Buch berichtet Bill Clinton über eine weitere besonders heftige Szene. Er berichtet zunächst davon, dass er selbst mit "Geheimnissen" aufwuchs, die in „Daddys Alkoholabhängigkeit und den Misshandlungen, die er unserer Familie angedeihen ließ“ wurzelten. (ebd., S. 66) Und dann berichtet er von einem Erlebnis im Alter von vierzehn Jahren: „Eines Abends schloss Daddy die Schlafzimmertür und begann Mutter anzuschreien. Dann schlug er sie. (…) Ich holte einen Golfschläger und stieß die Schlagzimmertür auf. Meine Mutter lag auf dem Boden. Daddy stand über ihr und schlug auf sie ein. Ich schrie ihn an, wenn er nicht sofort aufhöre, werde ich ihm die Seele aus dem Leib prügeln. Er hielt inne, starrte mich irritiert an, sank in sich zusammen und ließ sich in einen Sessel fallen, wo er mit gesenktem Kopf sitzen blieb. Es machte mich krank.“ (ebd., S. 67) Dieser Schilderung hängt er wieder Gedanken über seine „Geheimnisse“ an. Der Winkel der Seele, wo wir ein Geheimnis aufbewahren „kann sich in einen Abgrund verwandeln, wenn die Geheimnisse zu einer schweren Bürde werden. Und das geschieht insbesondere, wenn ein Gefühl der Scham damit verbunden ist (…). Unsere Geheimnisse können unser Leben so sehr bestimmen, dass wir uns ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen können. Ohne diese Geheimnisse wüssten wir nicht mehr, wer wir sind.“ (ebd., S. 68)

Clinton beschreibt eine dritte Misshandlungsszene, die er erneut mit einer Idealisierung beginnt:
Wie die meisten Alkoholiker und Drogenabhängigen, die ich kennen gelernt habe, war Roger Clinton im Grunde ein guter Mensch. Er liebte seine Frau, mich und den kleinen Roger.“ (ebd., S. 73) Clinton beschreibt dann, wie er kürzlich eine Akte über das Scheidungsverfahren seiner Mutter gelesen hatte. Darin stand auch eine Zeugenaussage von ihm, als er ein Jugendlicher war. Er hatte damals einen Anwalt angerufen, der wiederum die Polizei verständigt hatte. Die Polizei nahm Roger Clinton daraufhin in Gewahrsam. „Ich hatte in meiner Aussage erklärt, er habe mir Prügel angedroht, als ich ihn davon abhielt, Mutter zu misshandeln. Dass er auf mich losgehen wollte, war eigentlich lächerlich, da ich zu jener Zeit bereits größer und stärker war als er. Beide Vorfälle hatte ich vergessen. Für Experten ein typisches Phänomen in Familien von Alkoholikern, die weiter mit dem Süchtigen zusammenleben. Meine Erinnerungen belieben 40 Jahre lang verschüttet.“ (ebd., S. 73)
Dem Psychologen John D. Gartner nach – der eine psychologische Biografie über Bill Clinton geschrieben hat – führte Roger Clinton Senior eine „Terrorherrschaft“ und schlug regelmäßig seine Frau und auch Roger Junior, den Halbruder von Bill. Roger Junior erinnert sich daran, dass seine Mutter mit ihm und Bill viele Abende aus dem Haus floh und in einem Motel übernachtete.  (Gartner 2008, Kapitel 4. „The Three Stages Of  Roger. Stage 1. Repeating Abuse“, Position 2215.)
Eine andere Quelle weist darauf hin, dass auch Bill Clinton von seinem Stiefvater körperlich misshandelt wurde. (Marranis 1998, Kapitel „Ten“, Position 564)

Nun, was für ein Mensch Roger Clinton war, scheint deutlich zu sein. Doch auch die Mutter von Bill, Virginia, scheint kein guter Ausgleich gewesen zu sein. Sie selbst zeigte Suchtverhalten, rauchte Kette und trank exzessiv Alkohol. Bereits Virginias Vater Eldridge - Bills Großvater, bei dem er die ersten Jahre aufwuchs – hatten einen ungesunden Bezug zu Alkohol, den er – damals illegal – in seinem Lebensmittelgeschäft verkaufte, selbst oft trank und seine Tochter im Alter von zwölf Jahren mit Whiskey vertraut machte.  (Gartner 2008, Kapitel „Like Mother, Like Son“ - „The Family Drama“, Position 448-456) Virginia hatte eine schwierige Kindheit. Ihre Mutter Edith – Bills Großmutter - war impulsiv und ging verächtlich mit ihrem Mann Eldridge um, beschimpfte diesen, schrie ihn an, schlug ihn oder warf Dinge nach ihm. Diese destruktiven Streitereien – oftmals nachts, wie sich Virginia erinnert – gingen über Jahre. (ebd., Position 397-406) Später erinnert sich Virginia, wie sie sich damals wünschte, ihr Vater würde einmal zurückschlagen, was er nie tat. (ebd., Position 561) Auch Virginia wurde Opfer ihrer Mutter, die ihre Tochter beständig kritisierte, kontrollierte und eine Peitsche nutzte, um sie zu prügeln. (Maraniss 1995, S. 22) Lloyd deMause ist sich sicher, dass Edith auch Bill körperlich misshandelte, während sie in seinen ersten Lebensjahren für ihn verantwortlich war. (deMause 2000, S. 78) Dafür gibt es allerdings, sofern man seinen Quellen folgt, keine Belege. Was ich allerdings ebenso wie deMause für wahrscheinlich halte ist, dass der kleine Bill im Haus seiner Großeltern keine unbeschwerte Kindheit erlebt hat. Dafür gibt es zu viele Hinweise auf enorm destruktive Verhaltensweisen der Großeltern.

Über den Erziehungsstil, den Virginia gegenüber Bill anwandte, ist wenig bekannt. Fakt ist, dass sie jahrelang an der Seite ihres gewalttätigen Mannes, den sie sogar zweimal heiratete, ausharrte, mit allen Konsequenzen für ihre Kinder. Eine gewalttätige Familie hatte sie selbst erlebt, ebenso Alkoholmissbrauch; sie kannte es gar nicht anders. Insofern komme ich noch einmal zu meiner Einleitung zurück. „Für meine Mutter, die mir die Liebe zum Leben geschenkt hat.“, die ersten Worte in Bill Clintons Autobiographie. Sie machen nur Sinn, wenn man sich in das Kind hineinversetzt, das Bill einst war. Was wäre, wenn er – neben Roger - auch seine Mutter so betrachten würde, wie sie war, mit all ihren eigenen destruktiven Anteilen? Unerträglich für ein Kind, denn dann wäre es bitter alleine auf der Welt und ohne Hoffnung. Das Kind muss sich also blind gegenüber der Wahrheit machen, mit allen Folgen, die sich daraus für die eigene Psyche und das spätere Leben ergeben können.
Es gibt allerdings auch noch ein weiteres dunkles Kapitel, dass erst kürzlich in die Öffentlichkeit drang. Die bekannte Journalistin und Autorin Lucinda Franks hat in ihren Memoiren aus dem Jahr 2014 Auszüge aus einem im Jahr 1999 mit Bills Ehefrau, Hillary Clinton, geführtem Interview veröffentlicht, welche sie bisher zurückgehalten hat. Hillary sagte darin, dass Bill von seiner Mutter missbraucht worden sei, wobei sie nicht ins Detail gehen wollte. Hillary Clinton betonte aber die negativen Folgen: „He was abused. When a mother does what she does, it affects you forever.“  (Franks 2014, Kapitel 22, Position 5034.)

Lloyd deMause (2000) sieht zwischen der extrem schweren Kindheit Clintons und dem späteren kriegerischen und destruktivem Agieren als US-Präsident (vor allem der Bombardierung Ex- Jugoslawiens, sowie dem Festhalten an den Iraksanktionen, was hunderttausenden irakischen Kindern das Leben kostete *) einen deutlichen Zusammenhang, was er ausführlich in einem Artikel darstellt. Ich kann mich dem nur anschließen. Und ich wiederhole, dass ein Mensch, der derart destruktiv als Kind aufgewachsen ist, nicht Präsident der USA hätte werden dürfen. Nun, demnächst wird Bill Clinton wohl erneut im Weißen Haus zu sehen sein. Mal sehen, welchen Einfluss er dort ausüben wird, vermutlich keinen guten.




* Ergänzender Hinweis: In einem Text für die "Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit" schrieb Dr. Heinz Gmelch unter dem Titel "Die drei Golfkriege": "Seit 1991 sind nach Schätzungen internationaler humanitärer Organisationen rund 1,5 Millionen Iraker, darunter über 550 000 Kinder unter fünf Jahren, den Folgen dieser Wirtschaftssanktionen zum Opfer gefallen - durch Mangelernährung und unzureichende medizinische Versorgung. Das entspricht rund sieben Prozent der irakischen Bevölkerung. Hans Graf von Sponeck, Leiter des UN-Hilfsprogramms für den Irak, trat im Februar 2000 aus Protest gegen die Folgen der Wirtschaftssanktionen von diesem Posten zurück. Er warf den Vereinten Nationen sogar Völkermord vor."




Quellen:

Clinton, B. (2004): Mein Leben. Econ Verlag, Berlin.

deMause, L. (2000): Die phallische Präsidentschaft: Die Clinton-Skandale und der Krieg gegen Jugoslawien als Reinigungs-Kreuzzüge. In: Janus, L. & Kurth, W. (Hrsg.): Psychohistorie, Gruppenphantasien und Krieg (S. 77– 82). Mattes Verlag, Heidelberg.

Franks, L. (2014): Timeless: Love, Morgenthau, and Me. Sarah Crichton Books, New York. Kindle E-Book Edition.

Gartner, J. D. (2008): In Search of Bill Clinton: A Psychological Biography. St. Martin's Press, New York. Kindle E-Book Edition.

Maraniss, D. (1995): First in His Class: The Biography of Bill Clinton. Simon & Schuster, New York. Kindle E-Book Edition.

Maraniss, D. ( 1998): The Clinton Enigma: A Four and a Half Minute Speech Reveals This President's Entire Life. Simon & Schuster, New York. Kindle E-Book Version.

Donnerstag, 13. Oktober 2016

Amoktäter Alen R.: "Ich bin das Opfer", "Nein, das bist Du nicht! Du bist ein Täter!"

Kürzlich ist Alen R. (der in Graz mit einem Auto auf Menschen Jagd gemacht hatte) wegen dreifachen Mordes und 108-fachen versuchten Mordes schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt worden.
Über Alen R. sind einige Details aus seiner Biografie und Kindheit bekannt, auf die ich gleich eingehen werde. Alen R. scheint dem unten zitierten Medien-Artikel nach für sein vielfaches Scheitern im Leben wie auch für seine Taten keine Verantwortung übernehmen zu wollen. Er sagte wörtlich: „Ich bin das Opfer.“

An dieser Stelle möchte ich eines einmal deutlich und grundsätzlich klarstellen, was für mich im Grunde selbstverständlich ist: Eine Täter ist ein Täter ist ein Täter! Schlimme Kindheitserfahrungen, Scheitern, psychische Probleme, all das kann und darf nichts entschuldigen. Es ist der blanke Hohn für die Hinterbliebenen der Opfer seiner Taten, wenn dieser Täter sich hinstellt und sagt: „Ich bin das Opfer.“ Menschen, die kurz vor einem Amoklauf stehen oder sich selbst sonst wie nicht unter Kontrolle bekommen und zu einer Gefahr für Andere werden können, haben die verdammte Pflicht, sich notfalls selbst in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung einweisen zu lassen und nach all der Hilfe zu rufen, die moderne Gesellschaften bieten. Wer zum Täter wird, gehört juristisch zur Verantwortung gezogen.

Ich sehe es allerdings genauso, wie es Alice Miller einmal so oder so ähnlich formuliert hat: Mitgefühl muss man nicht mit Tätern wie Alen R. haben (sondern mit seinen Opfern), Mitgefühl kann man aber für das Kind haben, das Alen R. und andere Täter einst waren. Das ist ein großer Unterschied! Vor uns steht ein erwachsener Mensch, der drei Leben ausgelöscht hat, darunter das eines Kindes. Dies ist nicht zu entschuldigen. Die Analyse der Genese solcher Täter und das Mitgefühl für das Kind, das diese einst waren, ermöglicht uns aber eines: Gewalt-Prävention. Bei der heutigen Kindergeneration müssen wir ansetzen und sie vor ähnlichen Erfahrungen bewahren, wie sie so viele Täter, Mörder, Terroristen usw. als Kind durchlitten haben. Wir müssen aktiv werden, bevor das Kind im wahrsten Sinne des Wortes in den Brunnen gefallen ist. Darum und um nichts anderes geht es mir in diesem Blog. Ein erwachsener Täter dagegen ist mir persönlich im Grunde herzlich egal. Ich möchte verhindern, dass Menschen zu Tätern werden. Das Leben eines Massenmörders kann man nicht mehr drehen, es ist bereits sein Leben.

Zur Kindheit und Biografie von Alen R.:
Alen R. stammt aus Bosnien. Nach eigenen Angaben hat er als Kind vom damaligen Krieg in der Region so viel mitbekommen, dass er traumatisiert wurde. 1999 floh die Familien nach Österreich. Dort habe er sich von Gleichaltrigen abgelehnt gefühlt und blieb oft für sich alleine. Die eigenen Eltern beschreibt er als lieb ihm gegenüber wie auch untereinander. Nachbarn beschreiben dagegen ein anderes Bild. Bei der Familie war „ständig die Hölle los“, das Kind hätte ihnen leid getan. Weitere Nachbarn auch anderer Wohnorte berichten ähnliches. Von häuslicher Gewalt ist die Rede und einer gebrochenen Rippe der Mutter, sowie von Beschimpfungen und sogar Todesdrohungen gegen Nachbarn. Nachbarn hätten schlicht Angst vor der Familie gehabt. Alen R. war seinerseits früh auffällig, fiel u.a. durch Wutausbrüche als Schüler auf. Als Erwachsener war er gewalttätig gegenüber seiner Frau, die vier Wochen vor seiner Amokfahrt ins Frauenhaus floh. Seine Geschichte gleicht die von so vielen anderen Tätern dieser Art. Und trotzdem wird mir schlecht und macht es mich wütend, wenn so jemand im Zusammenhang mit seiner Anklage sagt „Ich bin das Opfer.“ Sein Opfersein, das ja durchaus real war, ist etwas, das er für sich bestenfalls in einem therapeutischen Prozess bearbeiten kann. Aber eben für sich, Es darf aber niemals zur Entschuldigung dienen, gerade auch vor Gericht. Vor Gericht steht ein Täter, im Plenum sitzen die Hinterbliebenen und Opfer.

Alle o.g. Infos zur Biografie und Kindheit stammen aus dieser Quelle:
Kronen Zeitung, 18.09.2016, Todeslenker Alen R.: "Ich bin das Opfer!"  

Dienstag, 4. Oktober 2016

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